Die WC-Spülung
Am Anfang hatte der Vater es dem Kind noch ganz sachlich geklagt. Doch das Kind dachte nur, auch es störe manches am Vater, das Stechen seines Bartes, wenn er es schlafen küsste, seine langen Schritte, denen es kaum zu folgen vermochte, so vieles, dass es, begänne es je zu klagen, mit Klagen kaum fertig würde und vor lauter Klagen vielleicht so lange keine Zeit mehr zum Spielen hätte, bis es erwachsen geworden war und gar nicht mehr spielen mochte, und kaum erwachsen, müsste es ja weiterklagen, denn ganz offensichtlich, so schloss es aus dem Verhalten seines Vaters, gehörte das Klagen zum Erwachsensein, wie das Spielen zum Kindsein gehörte, und wenn es auch jetzt, als Kind, klagte, würde es sein ganzes Leben verklagen, statt Spaß zu haben. Deshalb spielte es ruhig weiter. Als es noch kleiner war, fürchtete es sich vor der gähnenden Weite der WC-Schüssel und der losbrausenden Spülung. Doch mittlerweile genoss es das Kind, auf den Knopf der Spülung zu drücken und Herr über ihr machtvolles Brausen zu sein. Geduldig wartete es, bis der Spülkasten wieder vollgerauscht war, und betätigte die Spülung erneut. Es bildete sich ein, dass die Wassermengen, die es losbrausen ließ, immer größer würden, denn so war es in der Tat, bei jedem Knopfdruck brauste das Wasser gewaltiger, länger und lauter hinunter, und es konnte nicht mehr lange dauern, bis es die größten Wasserfälle der Welt an Donnermacht übertraf und sich gar mit der Ungeheuerlichkeit des brandenden Meeres messen konnte. In die Pantoffeln des Vaters jedoch, die es früher ein seiner damals geringen Größe angemessenerer Behälter als die WC-Schüssel gedünkt hatten, welcher zudem den Vorzug hatte, über keine erschreckende Spülung zu verfügen, schüttete es nur noch Wasser, höchstens ein halbes Glas, denn überquellen durfte das Wasser nie, da wäre das Spiel zu schnell aus gewesen. Dann beobachtete es gespannt, wie die Pantoffeln an den Nähten feucht wurden, wie es langsam heraussickerte und herunterrann und Pfützchen auf dem Boden um die Pantoffeln bildete. Leider konnte es dieses Spiel nur zweimal am Tag spielen, einmal mit dem linken Pantoffel und einmal mit dem rechten, denn mit nassen Pantoffeln war es nicht mehr lustig zu spielen, erst mussten sie wieder trocknen.
Und so vergingen die Tage und die Wochen und die Monate.
Der Vater hatte am Anfang ganz sachlich geklagt, mit gesetzter Stimme hinter der Zeitung hervor oder den Fernsehton leiser stellend, dieses ständige Rauschen der WC-Spülung, diese ewig feuchten Pantoffeln möge er nicht, das ist mir sehr unangenehm, weißt du, und las, voll guter Hoffnung, weiter die Zeitung oder sah weiter die Nachrichten im Fernsehen. Allein, auch im Folgenden rauschte die Spülung die ganze Zeit und waren die Pantoffeln ständig nass. Der Vater erinnerte das Kind immer wieder an seine Mahnung. An manchen Tagen legte er sogar die Zeitung beiseite und erhob den Zeigfinger. Er bildete sich ein, dass die Wassermengen, die das Kind losbrausen ließ, immer größer würden. Seine Vorhaltungen wurden energischer, seine Stimme lauter, seine Worte schärfer. Denn so war es in der Tat, bei jedem Mal brauste das Wasser gewaltiger, länger und lauter hinunter. Er befahl, er verbot, er drohte: Aufhören, Ruhe, kein Dessert, ohne Abendessen zu Bett, Schluss jetzt, Wasser und Brot!
Und so vergingen weitere Tage und Wochen und Monate.
Der Vater glaubte eisern an die Macht der Erziehung und an das Gute im Menschen. Er brauchte nicht lange zu warten, bis die WC-Spülung wieder rauschte. Er warf die Zeitung zur Seite, sprang vom Sofa auf, stürmte aus dem Wohnzimmer über den Gang, während das Fernsehen ruhig weiterlief. Auf der Toilette packte er das Kind am Nacken. Kaum war der Spülkasten vollgelaufen, drückte er den Kopf des Kindes tief in die WC-Schüssel hinein und betätigte die Spülung.
“Nicht zappeln, sondern lernen und gehorchen!” sagte er streng und betätigte die Spülung erneut. Ihn dünkte, dass die Wassermenge, die er dieses Mal losbrausen ließ, größer war, denn so war es in der Tat, mit jedem Mal, da er den Spülknopf drückte, brauste das Wasser gewaltiger, länger und lauter hinunter, und es konnte nicht mehr lange dauern, bis es die größten Wasserfälle der Welt an Donnermacht übertraf und sich gar mit der Ungeheuerlichkeit des brandenden Meeres messen konnte.
Später, bei der Polizei, bedauerte der Vater: “Das Risiko solcher Unfälle ist leider schwerlich zu umzugehen, wenn man keinerlei Abstriche an eine konsequente Erziehung zu machen gewillt ist.”
© 2006 Georges Raillard