Schaum


Die Tasse hatte ich gleich ins warme, noch ungetrübte Abwaschwasser versenkt, damit die nach längerem Nachrichtenhören im Radio schon halb eingetrockneten Kaffeereste auf dem Grund der Tasse aufgeweicht werden. Unter den Schaumbergen des Spülmittels blieb sie verschwunden, aber ich würde gleich mit den Fingern im Wasser nach ihr tasten und sie ergreifen und wieder herausholen und gründlich mit dem Abwaschschwamm reinigen, nun, da ich das restliche Geschirr vom Tisch auf die Anrichte geräumt hatte. Ich tauchte also meine Hand ins Wasser, tastete mit den Fingern nach der Tasse – und kriegte nichts zu fassen. Offenbar hatte ich die Tasse bereits abgewaschen und in den Schrank gestellt, gedankenabwesend, wie ich war, nachdem ich in den Nachrichten gehört hatte, dass der liberale Bartoldos, trotz Unschuldsbeteuerungen bis in letzter Minute, am Vorabend von allen seinen Ämtern entbunden worden war, und wenn ich jetzt den Schrank öffnete, würde ich dort die Tasse auf ihrem Platz finden, aber wozu den Schrank öffnen und Zeit verlieren, um Selbstverständliches zu überprüfen? Ich stellte den Rest des Geschirrs ins schaumige Wasser, Teller, Untertasse, Besteck, und ergriff erneut den Abwaschschwamm. Erneut? Er war trocken, erstaunt drehte ich ihn in meiner Hand. Offenbar hatte ich in meiner Zerstreutheit – alle Nachfolgekandidaten waren Falken und setzten voll auf Konfrontation – die Tasse unabgewaschen im Schrank versorgt. Dort musste sie jetzt stehen, auf ihrem Grund immer noch Kaffee, der durch bloßes Eintauchen in Abwaschwasser sicher nicht weggegangen war. Also öffnete ich doch den Schrank. Auf ihrem Platz stand die Tasse allerdings nicht. Auch nicht auf einem falschen Platz. Im Schrank war sie nirgends. Sie musste also doch noch im Abwaschwasser unter dem Spülschaum untergetaucht sein. Ich kehrte ans Spülbecken zurück und tauchte erneut meine Hand ins schaumige Wasser. Aber da war nichts. Hatte ich nicht eben auch Teller, Untertasse und Besteck ins Wasser abtauchen lassen? Meine Finger ertasteten nichts. Entschlossen zog ich den Stöpsel heraus und beobachtete gespannt, bis nur noch Schaumberge im Spülbecken übrig waren. Mit der Hand durchpflügte ich nochmals den prickelnden Schaum, fand aber nichts. Schließlich spülte ich den Schaum weg, bis überall der Chromstahl glänzte. Keine Spur eines Tellers, einer Untertasse, des Bestecks, der Tasse. Rasch schrubbte ich mir mit einem Tuch die Hände trocken, und es erstaunte mich noch, wie schnell ich die Haut zwischen den Fingern trocken bekam. Ich sah hin – und schrie auf. Was war das?! Meine Hände!? Ganz verformt! Runde rosige Stummel, wo die Finger gesessen hatten! Schmerzen tat es nicht, nur etwas prickeln – die äußersten Hautschichten, auch schon halbwegs zu Schaum geworden! Wenn ich die Hände länger ins Wasser und in den Schaum gehalten hätte, wäre sicher die ganze Hand zu Schaum geworden! So wie offensichtlich die Tasse und das übrige Geschirr! Was nun? Sollte ich das Abwasserrohr aufschrauben und versuchen, den hinuntergespülten Schaum noch zu retten und gar an die Hand anzulegen, auf dass er sich wieder in Fleisch verwandle? Zu spät...

Ich drehte das Radio lauter, schaltete den Fernseher im Wohnzimmer ein. Das ging leichter, als ich befürchtet hatte, da die Fingerstummel sich als sehr kräftig und biegsam erwiesen. Ich wechselte die Kanäle und Stationen. Aber nirgends wurde über Ungewöhnliches berichtet, eine Vergiftung, eine Verschmutzung, eine ausgebrochene Seuche… Nur von Hopfart war die Rede, das war der Härteste von allen, und genau der hatte anscheinend die meisten Chancen, den vakanten Posten zu ergattern. Ich fand es beruhigend, dass dieses lange an die Wand gemalte Worst-Case-Szenario nun drohte Realität zu werden, denn die tiefe Sorge darum lenkte mich einen Moment von meinem Missgeschick ab.

Wieder in der Küche, las ich genauestens das Groß- und das Kleingedruckte auf der Spülmittelflasche, es war dieselbe Marke, die ich schon seit Jahren verwendete, gut abbaubar war das Plastik. Ich drehte den Wasserhahn nochmals auf, voll drehte ich ihn auf mit meiner Stummelhand, ließ das Wasser rauschen, beäugte den Strahl von nah, noch näher, er war klar und roch nach nichts. Wasserhahn wieder zu, ich musste eigentlich los, aber die Hände sahen fürchterlich aus, jetzt gerötet an den Stummeln von all den anfallenden Verrichtungen. Ich musste aber wirklich los, ich hatte ja Hosentaschen, in denen ich die Hände verbergen konnte. Doch wie sollte ich am Computer arbeiten, ohne dass es jemand sah? Handschuhe, ich zog mir Handschuhe an. Der Winter war zwar längst vorbei, aber ich konnte einen Hautausschlag anführen, das stimmte ja beinahe.

In Handschuhen trat ich aus der Haustür und auf die Straße. Die Sonne schien auf die Fassaden gegenüber, frühlingshaft die Leute, da saßen sie schon an den Tischchen auf dem Trottoir bei Kaffee und Brötchen, meist Berufsfrühstücker, die noch ein bisschen plauderten oder in der Zeitung lasen, bevor es hinein ins Büro ging. Es gab ja auch einiges zu lesen heute mit dieser Bartoldos-Sache, ich versuchte im Vorbeigehen wenigstens irgendeine Überschrift zu erhaschen. „… haben mich ver…“ konnte ich in fetten, über die ganze Seite laufenden Lettern lesen. Anfang und Ende der Überschrift waren von zwei auf jeder Seite die Zeitung senkrecht haltenden Männerhänden verdeckt. Ich versuchte die fehlenden Worte zwischen den Fingern zu entziffern – aber das ging gar nicht! Es waren gar keine Finger da! Ich war stehengeblieben. Zwei Hände, Stummel dran! Rechts Stummel, links Stummel, gerötete Haut! Ein Bruder im Missgeschick! Schon dachte ich daran, ihm herzlichst die verstümmelte Hand zu schütteln, wollte mir bereits die Handschuhe ausziehen – doch wieso trug eigentlich er keine Handschuhe? Hielt die Zeitung mit seinen Stummeln, als ob nichts wäre, für jedermann sichtbar? Ob jemand herschaute auf die Stummel, welche die Zeitung hielten? Man trank Kaffee, mampfte Brötchen, schwatzte, rauchte; da stand jemand auf und eilte davon, da setzte sich jemand an den frei gewordenen Tisch. Meinen Zeitungsleser würdigte niemand eines besonderen Blickes. Wie diskret man doch war! Eine Dame hob gerade ihre Kaffeetasse und führte sie an ihren Mund, da dünkte mich, beim Trinken schaue sie rasch und unauffällig über den Tassenrand herüber. Sie trank die Tasse leer, setzte sie ab, wischte sich den Mund mit einer Papierserviette, faltete die Serviette. Noch lauerte ich auf einen verräterischen Blick, aber etwas in ihrer Art, die Papierserviette zu falten, machte mich stutzig: Da lagen Bedächtigkeit und Sorgfalt, aber auch eine unvermutete Tolpatschigkeit, ja Grobschlächtigkeit in den Bewegungen ihrer Hände, als könnten diese ordentlich weder etwas greifen noch über etwas streichen… Wie sollten sie auch! Sie waren gleich verstümmelt wie die des Zeitungslesers und meine! Ich schaute von Tisch zu Tisch, auf all die Hände, die eine Kaffeetasse hielten, ein Brötchen ergriffen, eine Zigarrette ansteckten, beim Sprechen gestikulierten…: Alle Hände, die ich sah, waren verstümmelt wie meine! Auch die Hände der Passanten, wie sie im Rhythmus der Schritte vor- und zurückwippten oder eine Tasche oder eine Mappe trugen! Alle Hände…! Deshalb also wurde nichts im Radio und im Fernsehen berichtet!

Meine Erleichterung war riesig. Da zermarterte man sich das Hirn wegen nichts und vernachlässigte darob die wirklich wichtigen Probleme. Ob Hopfart schon bald losschlagen würde, gesetzt, er kommt ans Ruder…? Rasch zerrte ich mir die Handschuhe von den Händen, eilte zum Kiosk und kaufte mir eine Ausgabe derselben Zeitung, die der Zeitungsleser vom Straßencafé gelesen hatte. Die Münzen aus dem Geldbeutel zu klauben fand ich allerdings reichlich mühsam, aber auch ich würde bald Übung bekommen und mich daran gewöhnen, man gewöhnt sich ja mit der Zeit an alles.


© 2006 Georges Raillard