Der Beträuger und der Bedrohrer
Der Beträuger ist jemand, der Andere mit seinen Augen betrügt. Aber anders als normale Heuchler und Betrüger täuscht er sein Gegenüber nicht mit falschen Blicken, also Blicken, die etwas verbergen oder vortäuschen, aber immer noch Blicke sind, sondern mit dem Vortäuschen eines Blicks – oder des Blickens – an sich. Wo man einen zu- oder abgewandten Blick vermutet oder zu beobachten glaubt, ist der Blick bloß aufgesetzt: Hinter diesem Blick ist nichts; niemand blickt.
Früher bedienten sich oft Blinde der Beträugerei, um ihr soziale Ausgrenzung mit sich bringendes Gebrechen zu verbergen. Es war eine Überlebensstrategie.
Heute mag ein voreiliger Verdacht auf Beträugerei noch hinter Zeitungsmeldungen stecken, in denen von Toten berichtet wird, die erst nach Wochen, ja Monaten oder gar Jahren aufgefunden werden. Wahrgenommen hatte man die Toten durchaus, vielleicht sogar Tag für Tag gesehen, aber man hielt sie, fälschlicherweise, für Beträuger und bildete sich ein, sie damit durchschaut zu haben.
Ein anderer Aspekt und die Voraussetzung allen Beträugens ist die Bereitschaft vieler Menschen, jegliches Glänzen in Anderer Augen zu einem bedeutsamen Blicken aufzupumpen, in dessen Spiegel man die Bedeutung seiner selbst erhöht wähnt.
Der Bedrohrer dagegen bedroht Andere mit seinen Ohren. Er stellt sie auf und bläst sie voll. Manche können mit ihnen wackeln. Meister ihres Fachs sind sogar in der Lage, die Luft aus den vollgepumpten Ohren derart entweichen zu lassen, dass grässliche Heulgeräusche entstehen, die den Feind erschrecken.
Früher wurden Bedrohrer in der ersten Linie der Heere eingesetzt. Viel Blutvergießen konnte vermieden werden, indem sie noch vor dem eigentlichen Kampf mit ihrer Kunst den Feind in die Flucht schlugen.
Heute sind Bedrohrer noch Zirkusattraktionen.
© 2007 Georges Raillard