Trockenheit
Ich drehte den Wasserhahn auf: Nichts kam. Ich versuchte es nochmals, zu und wieder auf: Kein Wasser floss; nicht einmal ein Glucksen in der Leitung. Küche nichts, Badezimmer nichts, Toilette nichts. Sehr ärgerlich, wirklich sehr ärgerlich!
Ich stürmte aus meiner Wohnung und rannte die Treppe hinunter. Das durfte nicht sein! Auch aus anderen Wohnungstüren traten Leute, stapften grimmig blickend oder laut schimpfend hinunter.
Der Hausmeister streckte beide Hände abwehrend nach vorn, als wir ihn umringten und bestürmten. Dann drehte er sich um und eilte in den Keller; wir zogen hinter ihm drein. Der Wasserhaupthahn, hier war er, ein kleines rotes Rad. Der Hausmeister ging in die Hocke, drehte am Rad, zuerst nach links, dann nach rechts, und hielt das Ohr an die Leitung. Nichts passierte, er schüttelte den Kopf, ohne sich umzuwenden. Nochmals versuchte er es, nach links, nach rechts. Der Hahn schien nicht schwer zu gehen, trotzdem kam der Hausmeister ins Schwitzen. Nun lauschte er wieder, aber nichts, er zuckte mit den Schultern. Nach einem Moment stand er mit einem Ruck auf, wandte sich zu uns um.
„Verfluchte Stadtwerke!“ schimpfte er. „Denen werden wir den Marsch blasen!“
Schweren Schrittes lief er die Treppe hoch und durch den Eingang aus dem Haus. Auch aus anderen Häusern stürmten Hausmeister, die jeweiligen Hausbewohner hinter ihnen drein. Alle eilten wir zum Wasserturm, drängten uns durch die breite, hohe Tür, platzten in das muffige Büro. Der Beamte sprang von seinem Drehstuhl hoch und gestikulierte, als verscheuchte er Fliegen, mit einer Miene, man wusste nicht recht, ob er lächeln oder schreien wollte. Schließlich zeigte er auf einen der Monitore.
„Und?“ fragte jemand.
„Kein Wasser!“ kreischte der Beamte. „Leer!“
„Was!?“
„Ich rufe den Bürgermeister!“
Eindringlich schilderte der Beamte dem Bürgermeister, dass auf den Monitoren, auf denen er das Innere des Wasserturms überwache, kein Wasser zu sehen sei.
Wenig später fuhr der Bürgermeister in seinem Amtswagen vor, eskortiert von zwei Polizeimotorrädern mit Blaulicht.
„Auf zum Stausee den Wärter verhaften, bevor er das Weite sucht!“ rief der Bürgermeister, stieg wieder in seinen Wagen und fuhr voraus. Die halbe Ortschaft lief hinterher, stieg in die Hügel hinauf, das Tal entlang. Die Sonne brannte.
Der Stauseewärter saß dösend an den Stamm eines Baums gelehnt. Seine Pfeife war ihm längst ausgegangen, aus Gewohnheit hatte er sie immer noch im Mund.
„Wo ist all das Wasser geblieben?“ herrschte der Bürgermeister ihn an und wies auf das ausgetrocknete Talbecken hinter der Staumauer.
Müde hob der Stauseewärter seinen Arm gen Himmel.
„Es hat nie mehr geregnet“, brummte er.
Wütend stampfte der Bürgermeister auf den staubigen Boden.
„Ich werde den Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen!“ schrie er.
Schmunzelnd hob der Stauseewärter seinen Arm erneut gen Himmel.
Der Bürgermeister war eine dynamische, tatkräftige, schnellentschlossene Führergestalt, darum war er in sein Amt gewählt worden.
„Wir müssen zum Äußersten gehen“, sprach er finster, „und eine Kirche bauen! Nur dort können wir den Allerhöchsten zur Rechenschaft ziehen!“
Wenige Tage später fuhren im Ortszentrum Bagger auf, hoben eine riesige Grube aus. Aus langen Reihen von Betonmischern wurde ein Fundament gegossen. Kräne ragten in den Himmel und beförderten Baumaterialien. Da begann es zu regnen, es regnete lange, wollte nicht aufhören, und erst als der Stausee und der Wasserturm wieder voll waren und die Wasserleitungen, auch meine, alle wieder sprudelten, hörte es auf zu regnen.
Die Baugrube ist noch heute zu sehen, als fortwährende Drohung, bei weiteren Widrigkeiten die Kirche doch noch fertigzubauen.
© 2008 Georges Raillard