Ausländerinnen


Er wachte auf. Nach langer Zeit, wie ihm schien. Wo war er? Alles weiß. Krankenbett. Krankenzimmer. Er schielte zum Fenster, draußen neblig-trüb. Zwei Krankenschwestern hantierten im Zimmer und sprachen miteinander. Er konnte sie nicht verstehen, sie sprachen eine andere Sprache als er. Sie waren Ausländerinnen. Dunkle Augen, dunkles Haar. Aus dem Süden. Der Sprache nach, die er nicht identifizierte, wohl aus Albanien, Mazedonien oder Bulgarien. Oder vielleicht Türkinnen. Oder Kaukasus. Er versuchte seine Hände zu bewegen, fand sie aber nicht. „Bitte!“ rief er. Sie hörten ihn nicht, ganz in ihr Tun oder in ihr lebhaftes Gespräch oder beides vertieft. Eigentlich unverschämt oder ganz unprofessionell, sich so laut zu unterhalten in Gegenwart eines Kranken. Denn krank war er, das musste er ja sein, sonst läge er nicht in diesem Krankenbett. „Können Sie nicht mal kommen?“ rief er jetzt, energischer als vorher. Die beiden Krankenschwestern taten aber weiter so, als hörten sie ihn nicht. Vielleicht verstanden sie kein Deutsch, das konnte gut sein, und wollten sich keine Blöße geben. Oder sie waren gar nicht für ihn zuständig. Auch möglich. „Könnten Sie nicht mal einen Arzt holen?“ rief er nun. Zuerst hantierten sie weiter, doch dann blickte eine der beiden Krankenschwestern plötzlich zu ihm her. Na also, es ging ja doch. Er versuchte zu lächeln, aber noch bevor es ihm gelang, stand die Krankenschwester schon neben ihm und drückte ihm rasch beide Augen zu. Trotzdem sah er, wie sie wieder zur anderen Krankenschwester trat, verlegen kichernd, sich die Hände an der Schürze reibend, und dann machte sie eine kurze Bemerkung zu ihrer Kollegin, die scheu, fast schuldbewusst, jedenfalls befremdet hergeschaut hatte, und beide lachten ziemlich übertrieben, wie er fand, auf und wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Mit ihm schienen sie weiter nicht mehr zu tun zu haben.

© 2008 Georges Raillard