Wortvögel
Es sprach der Mann:
„Die Sonne steht am Himmel. Der Regen fällt von oben. Der Wind - die wehende Luft. Das Leben ist so wichtig. Ich bin es, der dies sagt.“
Er sagte es mit der salbungsvollen Stimme ewiger Wahrheit, er sagte es nochmals, den Zeigfinger lehrend erhoben, wieder und wieder.
Leute umstanden ihn, klaubten sich seine Worte von Jackenaufschlägen und Hemdsärmeln, bargen ein jedes hastig in der Hosentasche. Mit vollen Hosentaschen eilten sie davon; andere rückten an ihre Stelle, den Blick dem Redenden entgegengerichtet.
Den Mann befriedigte es, dass ein jedes seiner Worte so gewissenhaft aufgehoben und aufbewahrt wurde. Er deklamierte sie nun, sang sie, von ausschwingenden Gesten begleitet. Mehr und mehr Leute drängten sich um ihn, hingen an seinen Lippen, damit ihnen kein Wort entging, hielten die Hände auf, darin seine Worte aufzufangen.
Immer erlesener wählte der Mann seine Worte:
„Unser güldener Lichtspender gleitet übers Firmament. Herniederfallende Tropfen schwängern den Boden. Ein Hauch streift uns aus dem Abendrot. Wie grün erblüht der Bäume Geäst! Das Leben ist unser höchstes Gut! Ich habe mir die Stimme zum Höchsten verliehen.“
Ohne seinen Vortrag zu unterbrechen, zog er sich nun ein schmuckes blaues Heldenkleid über, setzte sich einen langkrempigen roten Hut mit weißem Federbusch auf, schlüpfte in glänzende schwarze Stiefel mit Silberschnallen. Mit einem Schwert zerschnitt er bei jeder betonten Silbe herrisch die Luft, rhythmisch schüttelte er den Schild mit dem Wappen der Sieben Weisen vom Hohen Berge den Zuhörern entgegen.
Mittlerweile war seine Rede so angeschwollen, dass der die Worte erhaschenden Hände kaum mehr genug waren. Hastig stopfte man die Worte in Mappen, Einkaufstaschen, ja Plastiktüten, und schon waren sie voll und wurden rasch weggetragen.
Man hörte ihm ja kaum zu, so schnell verschwand man wieder, fand der Mann und wurde unmutig. Und erst die Hände, die man ihm und seinen Worten entgegenstreckte: ungewaschen, mit schwieliger Haut und Dreck unter den Fingernägeln.
Er sagte nun: „Der Tisch liegt an der Badewanne.“
Tisch hieß Sonne, Badewanne hieß Himmel, aber das wussten nur er und ein paar Eingeweihte.
„Die Flasche gräbt von hinten. Die Hose – die leuchtende Bürste.“
Wie war es möglich, dass man weiter in Massen herströmte und seine Worte mit den Händen an sich riss, als verstünde man ihn immer noch?
„Die Scheiße ist so dunstig. Ich bin es, der dies sagt. Ich!“
Dann ließ er mit einer verächtlichen Grimasse Schild und Schwert sinken und verstummte.
Die Leute standen noch gebeugt herum, seine letzten Worte einpackend. Dann, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, schulterten sie ihre Rucksäcke, ergriffen ihre Tüten, zogen an ihren Einkaufswagen und stapften mit ihrer Last in langen Reihen davon. Aber sie strebten nicht etwa ihren Häusern zu, nein, sie stiegen auf eine kleine Anhöhe. Er beobachtete, wie sie dort ihre Tüten, Taschen und Rucksäcke weit öffneten und mehrmals ruckweise emporhoben, als würden sie gefangene Vögel in die Freiheit der Lüfte entlassen.
„He! Diebe! Schurken! Gebt mir meine Worte zurück!“ schrie da der Redner und rannte fuchtelnd hinterher.
© 2008 Georges Raillard