Aus: Georges Raillard, Herr Monza oder Herr Monza, edition sisyphos, Köln 2002

Die Suche nach der Erlösung vom Suchen


Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens bog Herr Monza in eine enge düstere Gasse ein. In einiger Entfernung vor ihm wühlte ein Mann in einem Abfalleimer. Tief hineingreifend, brachte er einen Fetzen Papier zum Vorschein, hielt ihn nahe vor seine Augen. Plötzlich riss er seine Arme in die Höhe. Das Papier schwenkend, kam er Herrn Monza entgegengelaufen.
     "Der Sinn des Lebens!" frohlockte er. "Weiter brauchen Sie nicht mehr zu gehen!"
     Herr Monza blieb stehen.
     "Hier, schauen Sie!" rief der Mann und streckte ihm das Papier hin. Auf dem Papier stand mit krakeligen Zeichen eine komplizierte mathematische Formel geschrieben.
     "Wunderbar! Sowas habe ich genau gesucht!" jubelte Herr Monza. "Warten Sie einen Moment!" Hastig kramte er aus der Jackentasche seine Agenda und einen Kugelschreiber hervor und notierte sich die Formel. Dann schüttelte er dem Mann warm die Hand: "Vielen Dank! Und alles Gute!" Selig lief der Mann weiter.
     Leichten Mutes kehrte Herr Monza auf die breite helle Hauptstraße zurück. Leute strömten die Gehsteige entlang.
     "Wie viele Menschen suchen noch nach dem Sinn des Lebens!" dachte Herr Monza und kaufte sich in einem Laden eine Spraydose. Dann schritt er langsam die Straße ab, bis er eine weiße leere Hauswand erspähte. Glücklich sprayte er mit roter Farbe die Formel an die Wand. Die Leute blieben stehen.
     "Der Sinn des Lebens!" rief er und wies mit triumfaler Gebärde auf die großen roten Zeichen.
     Die Leute nickten andächtig. Eilig kritzelten sie die Formel in Notizbüchlein und auf Einkaufszettel, bevor sie weitergingen.
     Eine Frau jedoch erhob ihre Stimme: "Ich verstehe dies nicht. Erklären Sie es mir bitte!"
     Herr Monza sah sie verdutzt an. Schließlich sagte er: "Man muss bloß daran glauben."
     Die Frau dachte einige Augenblicke lang nach. Dann sagte sie enttäuscht: "Was garantiert mir, wenn ich es nicht verstehe, dass es nicht ein falscher Glaube ist?" Abrupt wandte sie sich weg und wurde sogleich vom Menschenstrom aufgesogen.
     Herr Monza spürte ein Loch im Herzen, durch das alle Gewissheit entwich. Ratlos und wie betäubt lief er durch die Straßen. An viele Hauswände und Mauern war die Formel schon gesprayt. Auf den Frontseiten der Zeitungen, die an den Kiosken auslagen, prangte sie in großen fetten Lettern. Aus offenen Fenstern verkündeten Stimmen von Nachrichtensprechern die Formel wie einen Lottohaupttreffer. Im Parlament, überschlugen sich die Stimmen, sei einstimmig beschlossen worden, sie demnächst in die Verfassung aufzunehmen.
     Herr Monza musterte die Gesichter. Es waren glaubensfrohe Gesichter, von allem Suchen für immer erlöst.
     "Was suchen Sie denn noch? Kennen Sie etwa die Formel noch nicht?" fragte ihn hilfsbereit ein Mann.
     "Doch, aber was garantiert mir, dass es nicht eine falsche ist?" rief Herr Monza und hastete ziellos weiter.
     Auf einmal, er wusste nicht wie, stand er wieder am Eingang zur engen düsteren Gasse. In einiger Entfernung vor ihm stand der Abfalleimer.
     Herr Monza rannte hin und griff tief hinein. Der Abfalleimer war voller Papierfetzen. Herr Monza hob einige nahe vor seine Augen.
     Auf jedem Papierfetzen stand eine mathematische Formel!
     Herr Monza griff sich weitere Papierfetzen, las die krakeligen Zeichen.
     Auf jedem Papierfetzen stand eine andere mathematische Formel!
     Plötzlich platzte Herr Monza in solches Lachen aus, als hätte er zuvor lange die Luft angehalten. Übermütig schmiss er die Papierfetzen zurück, versetzte dem Abfalleimer einen Tritt. Der Eimer stürzte um, rollte weg und weiter weg. Soweit das Auge reichte, wurde das Pflaster mit Papierfetzen übersät, fielen mathematische Formeln in den Dreck, und der Eimer schepperte immer noch und schepperte weiter und mochte noch lange scheppern, nachdem Herr Monza bereits wieder in die Hauptstraße eingebogen war.




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