Sonntag, der erste Advent
Der erste Advent ist der Tag des Menschen, und kein Heim bleibt ohne Gast an diesem Tag. Schon früh säumen zahlreiche Arme, Alte und Einsame die Straßen und Gehsteige der Stadt und warten geduldig auf eine Einladung. Im Laufe des Morgens findet dann jeder seinen Mittagstisch; ja, um einige ganz elende Gestalten drängen sich sogar mehrere Gastgeber, die einander die Betreuung dieser Menschen streitig machen.
Alljährlich pflegen auch wir diesen schönen Brauch und laden einen Menschen nach Hause ein, bewirten ihn großzügig und kümmern uns um ihn, als gehöre er zu uns.
Unseren diesjährigen Menschen brauchten wir nicht weit zu suchen. Obendrein hatten wir das Glück, dass er wirklich ein Bild des Elends bot und noch frei war. Gleich um die Ecke stand er, in einen dieser schmutzigen Winkel gedrückt, wo die Besen der Straßenkehrer nicht hineinreichen. Vor der Kälte schützte ihn nur notdürftig ein abgeschabter brauner Mantel. Auf dem Kopf trug er eine durchlöcherte, tief ins zerknitterte Gesicht geschobene Mütze. In der einen Hand hielt er eine prallvolle, dreckige Plastiktüte, die andere umklammerte einen Stock. Wir wussten sogleich, dass dieser hinkende Alte unser heutiger Gast sein würde, und warfen uns einen kurzen Blick des Einverständnisses zu, bevor wir ihn aufforderten, uns zu begleiten.
Als erstes steckten wir ihn in ein heißes Bad. Unterdessen suchten wir ein paar alte Kleider heraus: meinen alten roten Ski-Pullover, einen grauen Anzug, den ich während meiner Zeit als stellvertretender Abteilungsleiter oft getragen hatte, ein Paar geflickte Socken und noch einige andere Sachen. Mit kindlicher Freude und unserer Hilfe zog er sie sich sogleich an. Jetzt sah er schon viel ansprechender aus, und wir nickten ihm freundlich zu. Dann führten wir ihn an unseren Esstisch aus Nussbaumholz und fragten ihn nach seinen Wünschen, doch er wollte nur Brot und Wein.
"Ist denn heut nicht Sonntag, der erste Advent?" fragte er.
Wir nickten gerührt und sahen uns an. Dann holten wir einen Laib frischen Brotes aus der Küche und schnitten ihn an. Er ergriff den Anschnitt mit beiden Händen und biss hinein, so gut ihm dies mit seinen wenigen noch bleibenden Zähnen möglich war.
"Danke, Herr Pfarrer, danke, Frau Pfarrer", sagte der Mensch, eifrig kauend.
Wir schüttelten lächelnd den Kopf und versuchten, ihm begreiflich zu machen, wir seien nicht der Pfarrer und die Pfarrersfrau. Doch nicht einmal der Hinweis, wir trügen doch keinen Talar, die Nennung unserer Namen und beredte Gesten konnten ihn vom Gegenteil überzeugen. Geschmeichelt fanden wir uns damit ab. Schließlich war Sonntag, der erste Advent.
"Und der Wein, Herr Pfarrer?" fragte er, "Brot und Wein!"
Vom vorigen Abend war noch eine angebrochene Flasche übriggeblieben. Die Doktors waren wieder einmal zu einem gemütlichen Plauderabend bei uns gewesen. Es roch immer noch ein bisschen nach den Zigarren. Ich füllte den Rotwein in einen kleinen Krug, ein Mitbringsel von einer Spanienreise, und stellte ihn vor den Menschen auf den Tisch. Ein Glas fehlte noch. Doch als ich vom Geschirrschrank zurückkam, hatte er das kleine Gefäß nicht etwa am Henkel ergriffen, sondern mit beiden Händen umfasst und an die eingekniffenen Lippen gesetzt. Schlürfend und gurgelnd trank er den ganzen Krug aus und setzte ihn dann schmatzend ab.
"Danke, Herr Pfarrer, danke, Frau Pfarrer", sagte er wieder und wischte sich den Mund mit dem Handrücken.
Wir warfen uns einen belustigten Blick zu. Da wir das Mahl für beendet hielten, stellte ich das unbenützte Glas wieder in den Schrank und wollte auch den Krug wegräumen. Doch der Mensch klammerte sich mit beiden Händen daran, ohne seinen stumpfen Blick zu heben. Da fragten wir ihn, ob er noch etwas Brot wolle. Zuerst schien er nicht zu reagieren, doch dann verzog sich sein Gesicht, der zahnarme Mund ließ ein Kichern hören und verbreiterte sich zu einem schalkhaften Grinsen. Wir starrten uns befremdet an. Er jedoch erhob die Stimme zu roher Fröhlichkeit:
"Jetzt kommt der zweite Advent, der zweite Advent! Brot und Wein für den zweiten Advent! Herr Pfarrer! Frau Pfarrer!"
Ich gab deutlich meiner Missbilligung Ausdruck. Der zweite Advent sei erst in einer Woche, erklärte ich fest und stellte mich, seinen Stock auffordernd in der Hand, neben seinen Stuhl. Der Mensch knurrte unverständliches Zeug aus sich heraus, machte jedoch keine Anstalten aufzustehen. Plötzlich blickte er trübe auf und stieß dumpf hervor:
"Vielleicht bin ich dann schon hin! Brot und Wein für den zweiten Advent!"
Mit gesenktem Blick schnitten wir das zweite Stück Brot ab und legten es vor ihn hin. Er schob es sich ganz nah heran und legte beide Hände darauf. Auch den von neuem gefüllten Krug stellten wir auf den Tisch und verschränkten geduldig die Arme. Zunächst geschah nichts. Dann hob ein Gemurmel an, hin und wieder ergänzt durch pfeifende Atemgeräusche. Nach einiger Zeit verstummte der Mensch wieder, doch als wir genauer hinsahen, hatten sich die kurzen Finger seiner rechten Hand vom Brot gelöst und näherten sich dem Weinkrug. Vor unseren Augen umkrallte er den Henkel, zog das Gefäß langsam zu sich heran, legte auch darauf seine beiden Hände. Dann erfolgte wieder dasselbe, von geräuschvollem Atmen begleitete Gemurmel. Wir standen da und blickten uns stumm an.
"Danke, Herr Pfarrer, danke, Frau Pfarrer", sagte der Mensch abermals, nachdem wir Zeugen gewesen waren, wie er zuerst das Brot angeknabbert, den Krug in einem Zug geleert und schließlich den Rest des Brotes geradezu verstohlen in seine Plastiktüte hatte verschwinden lassen. Wir sahen uns entrüstet an. Der Mensch ließ sich jedoch nicht beirren und verlangte lautstark nach Brot und Wein für den dritten Advent, vielleicht sei er dann schon hin. Wir traten vorsichtig näher und fassten ihm unter die Arme. Gewiss müsse man den Wünschen Todgeweihter nachkommen, doch ihn sähen wir bei so guter Gesundheit und Kräften, dass sich dies unserer Ansicht nach erübrige. Da klopfte sich der Mensch auf die Brust. Lauter denn je sprach er:
"Hier reinsehen! Alles kaputt, alles!"
Wieder bezeichnete er uns in schrillen Tönen als Herr und Frau Pfarrer, so dass wir nicht umhin konnten, erneut ein Stück Brot abzuschneiden, das dritte, eine Flasche Kochwein zu öffnen und den Krug abermals zu füllen. Wortlos beobachteten wir, wie er dieses Mal das Brot sogleich wegsteckte, den Wein wieder murmelnd einsegnete, indem er seine Hände darauf hielt, und anschließend in langen Zügen hinuntergurgelte. Dann rülpste er. Da fassten wir den Beschluss, einzuschreiten und dem Treiben ein Ende zu machen. Da er, wie sich gezeigt hatte, selbst nicht gewillt war, die Tafel aufzuheben, stellten wir uns je auf eine Seite des Tisches, hoben ihn etwas an und stellten ihn erst ein gutes Stück entfernt von der Stelle wieder ab, wo er auf seinem Stuhl saß. Wir sahen uns erwartungsfroh an.
Der Mensch stierte ins Leere. Er war in einen widerlichen Singsang verfallen, wippte hin und her auf seinem Stuhl. Unvermittelt hielt er inne, tat so, als wolle er sich aufstützen, und fiel vornüber auf den Teppich, ein Erbstück meiner Großmutter väterlicherseits. Diese Wendung der Dinge hatte uns selbstverständlich fern gelegen. Wir eilten hinzu und halfen dem Menschen, sich wieder anständig hinzusetzen. Er stöhnte nur ein bisschen, zu Schaden gekommen war glücklicherweise nichts. Wir warfen uns besorgte Blicke zu und stellten den Tisch schleunig wieder an seinen alten Ort. Dann schnitt ich ein Stück Brot ab, füllte den Krug mit Wein und näherte mich ihm. Hier sei das Brot und der Wein für den vierten Advent, gab ich in besänftigendem Ton zu verstehen.
"Danke, Herr Pfarrer, danke, Frau Pfarrer", ertönte es wieder. Wir atmeten auf.
Während wir uns wieder auf eine entferntere Seite des Tisches begaben, hatte der Mensch das Brot bereits verschwinden lassen und verrichtete wieder seine merkwürdige Andacht vor dem Krug. Sie erinnerte uns irgendwie an die mohammedanischen Beter, die wir während unseres Urlaubs in Ägypten gesehen hatten, wo die Pyramiden uns in ihrer Größe und Pracht stark beeindruckt hatten. Über dreihundert Fotos hatten wir geschossen und zahlreiche Souvenirs mitgebracht, die jetzt die Wände und Simsen unseres Wohn- und unseres Esszimmers schmückten. Aber den Menschen, der mittlerweile den Krug bereits wieder geleert hatte, ließ all dies natürlich unbeeindruckt, er hatte ja keine Kultur. Vielmehr blickte er mit überraschendem Ernst zu uns hin und krächzte mit schon ziemlich unbeholfener Zunge:
"Jetzt noch für Weihnachten! Dafür auch noch! Nur noch!"
Wir stellten eilfertig die Weihnachtsration auf den Tisch und sahen uns mit einem unbestimmten Gefühl an. Dieses Mal brabbelte der Mensch besonders lang vor dem Brot und dem Wein, fuhr gar hie und da mit den Armen durch die Luft auf das Mahl hernieder. Weich fiel die Hand bald auf das Brot, bald auf den Weinkrug und verweilte dort, bis die Stimme sich von neuem hob, nur um wieder, zugleich mit den Armen, heiser in sich zusammenzufallen. Wir hatten die Hände gefaltet.
"Herr Pfarrer, Frau Pfarrer!" rief er ausgelassen, nachdem er auch das Weihnachtsmahl in sich hineingegossen hatte. Dann packte er seinen Stock, hob sich energisch vom Stuhl. Der Stuhl fiel rückwärts auf den Teppich. Der Mensch näherte sich, Eifer im Antlitz, heftig sprechend. Wir streckten schon die Hände abwehrend nach vorn. Da beugte sich das rot angelaufene Gesicht über sie, schmatzte unter geifernden Dankesbezeugungen mehrere Küsse darauf. Wir sahen uns peinlich berührt an. Abrupt wandte sich der unansehnliche Körper wieder weg, ergriff seine zerschlissene Plastiktasche, während wir unsere Hände im Licht des Fensters prüften, schritt laut singend durch die Tür auf den Korridor. Es ist Weihnacht, es ist Weihnacht, Brot und Wein, Blut und Leib, es ist Weihnacht, Weihnacht. Gröhlend zog er durch den Korridor und durchs Treppenhaus, die Wohnungstür schloss er nicht, und in unsere begreifliche Empörung mischte sich eine gewisse Wehmut, als wir durch die Spitzenvorhängchen hindurch die Jammergestalt unten die Straße entlanghumpeln sahen, Weihnacht, Weihnacht, Blut und Leib, Brot und Wein, in die kalte Welt hinaus.
Wie wir ihn nicht mehr sehen konnten, wuschen wir uns ausgiebig die Hände mit französischer Seife und schrieben gedankenvoll unsere Weihnachtswunschzettel.
© 2008 Georges Raillard