Wie hätten Sie Ihren Himmel denn gern?
In der Morgensonne glänzen die bewaldeten Hügel, mein Blumengarten strotzt in allen Farben, um meinen Schaukelstuhl fliegt ein roter Schmetterling, ein zeitloses Lächeln umspielt meine Lippen, und ich denke an Sie.
Ihnen geht es dreckig.
Stress, Tag und Nacht Angst, der Chef ist ein Schwein, Schlafstörungen, Partner davongelaufen, Rückenschmerzen, Haus ausgeraubt, die liebe Mutter gestorben, bis zum Hals in Schulden, Fahrzeug ins Schleudern geraten, Krach mit dem Sohn...
Sie stehen kurz vor dem Durchdrehen.
Schluss machen möchten Sie mit allem, den ganzen Krempel einfach hinschmeißen. Vielleicht passt auch ein spektakulärer Amoklauf zu Ihrem Temperament. Eine Zerstörungsorgie. Eine Familientragödie. Oder liegt etwa ein Nervenzusammenbruch auf Ihrer Linie? Kommen Sie bald in die Klappsmühle, wenn es so weitergeht?
Weiter und weiter und bumm!
Ich heiße Roland Wüst und hatte das Glück, Josua Angelus kennenzulernen. Das war, als meine Eltern noch starben und das Fernsehen noch ein Programm hatte und dergleichen. Mein Erinnerungsvermögen schwindet, seit ich zum Leben die Erfahrung nicht mehr brauche. Der Morgen ist unvergänglich.
Ich mochte an einer Theke gehangen und das siebte oder zehnte Glas Cognac oder Whisky in mich hineingeleert haben.
"Mein Name ist Josua Angelus. Wo drückt Sie der Schuh?"
Eine angenehme, einfühlsame Stimme. Ich hob die glasigen Augen und stierte ihn an. Breites Lächeln, einladender Blick.
"Alles zuviel. Kann nicht mehr. Lassen Sie mich in Ruhe!" murmelte ich mit schwerer Zunge.
"Erzählen Sie mir Ihre Geschichte."
"Na hören Sie mal..."
"Ich höre."
Darauf wischte ich gewiss das Glas zur Seite, drehte ihm den Barhocker zu, setzte mich gerade, stellte mich vor, sagte etwa:
"Ich bin ein verzweifelter Mensch."
Josua Angelus setzte sich die Brille auf und blickte mich aufmunternd an.
"Der Boden schwankt unaufhörlich. Nirgends ein Haken, mich festzuhalten. Oder er bricht ab. Hilflos werde ich weiter hin- und hergeworfen."
Josua Angelus nickte verständnisvoll.
"Immer geschieht irgendetwas. Es hört nicht auf zu geschehen. Es gibt keine Ruhe. Und alles wird wieder anders. Wo finde ich etwas Festes, Sicheres, Bleibendes, Beständiges, ich tausendmal überpinseltes Bild?"
Noch heute meine ich das väterlich warme Gewicht von Josua Angelus' Hand auf meiner Schulter zu spüren, während ich das immervolle Glas mit Kiwisaft an die Lippen führe und sinnend in meine Frühsommerblumen schaue.
"Das Leben, Herr Wüst, ist ein grausamer Mechanismus. Die Ereignisse spulen sich ab, stolpern übereinander, walzen Vorstellungen, Absichten, Gefühle nieder, überrollen uns."
Josua Angelus rückte etwas näher.
"Was hat Sie denn so zugerichtet, Herr Wüst?"
Beinahe geraunt hatte er die Frage, eindringlich, wie jemand, der leicht die Flamme einer Kerze anbläst. Ich erzählte ihm alles:
Die polizeiliche Ermittlung, die mir den Mund austrocknete.
Die Einweisung meines Bruders, die mich erbleichen ließ.
Die roten Zahlen, die mir die Sprache verschlugen.
Die akute Gelenkentzündung, die mir das Gesicht verzerrte.
Die unregelmäßige Stufe, die mich stolpern ließ.
Der Vorstellungstermin, der mir Appetitlosigkeit verursachte.
Die Rationalisierungsmaßnahme, die mir die Stirn in Falten legte.
Die Verstocktheit meiner Tochter, die mich mit der Faust auf den Tisch schlagen ließ.
Die Scheidung, die mir schlaflose Nächte bereitete.
Die finsteren Gestalten im Hauseingang, die mir den Atem abschnitten.
Der Wasserschaden im Keller, der mich die Hände ringen ließ.
Die barsche Antwort des Beamten, die mir den Nacken beugte.
Die Parkbuße, die mir die Röte ins Gesicht trieb.
Der Baulärm, der mir den Kopf zudröhnte.
Willis Tod beim Segeln, der mich in Tränen ausbrechen ließ.
Das Fälligkeitsdatum, das mir den Schweiß ins Angesicht trieb.
Der Telefonanruf mitten in der Nacht, der mich erzittern ließ.
Und vieles mehr, wovon ich mir heute keine Vorstellung mehr mache. Josua Angelus hatte mir nachdenklich nickend zugehört.
"Ich kenne das."
Ich hatte mich in eine eifrige Illusionslosigkeit hineingeredet.
"Das Schlimmste ist, niemand kann das Geschehen stoppen, absolut niemand."
Josua Angelus' Miene heiterte sich auf. Ich war ja so naiv.
"Sind Sie da ganz sicher, Herr Wüst?"
"Wie meinen Sie das?" fragte ich befremdet.
Josua Angelus blinzelte verschmitzt, sagte aber nichts.
"Wer sollte den Lauf der Welt stoppen können? Gott? Einer mit einer Atombombe? Der Tod vielleicht? Ein Strick? Ein Revolver? Vierundzwanzig violette Pillen? Ein Sturz aus dem zwölften Stockwerk? Vor den fahrenden Zug? Von der Brücke ins eisige Wasser? Meinen Sie etwa das? Was wollen Sie eigentlich? Wer sind Sie über-haupt?"
Josua Angelus hatte inzwischen in seine Tasche gegriffen und hielt mir eine Visitenkarte vor die Nase. Ich las:
JOSUA ANGELUS
CHEMIE-INGENIEUR
ANGELUS NEUTRALISIERUNGSGESELLSCHAFT MBH
Leuchtendrote, schräggestellte Lettern. Oben rechts ein blauer Punkt, darum ein Kreis, an dem von allen Seiten Pfeile abprallten. Die Karte liegt vor meinem Schaukelstuhl auf dem Fenstersims. Manchmal nehme ich sie dankbar zur Hand, und dann setzt sich ein farbenfroher Schmetterling darauf.
"Sie wollen also leben, nicht wahr? Ungebunden, reibungslos, unangefochten, sorglos leben?" begann er.
Seine Augen blickten fest und siegesgewiss.
"Doch niemand und nichts kann Ihnen ein solches Leben ermöglichen, glauben Sie."
Er drückte seine Brust nach vorn.
"Ich kann es", sprach er.
Sein Blick tauchte tief in mich ein.
"Die ANGELUS NEUTRALISIERUNGSGESELLSCHAFT MBH hat ein Verfahren entwickelt, welches das Prinzip der Neutronenbombe auf den Humanbereich anwendet. Wir stoppen jegliches Geschehen, kristallisieren das Leben für Sie, so wie die Neutronenbombe alles regungslos intakt hält. Wie ein dreidimensionaler Schnappschuss. Doch es wird alles weiterleben. Auch Sie selbst, Herr Wüst. Denn unser Neutralisierungsverfahren tötet nicht, vielmehr verdichtet es einen lebensvollen Moment zu lebenslangem Eindruck. Sie werden sich unwandelbar zu eigen sein. Ein besonderer Vorteil dabei: Ihr Tod tritt, sobald die biologische Uhr Ihres Körpers abgelaufen ist, unbemerkt und augenblicklich ein. Und nun zu den besonderen Bedingungen, die wir Ihnen bieten können..."
Zwei Tage später unterschrieb ich. Meine Wahl fiel auf diese idyllische Gegend, auf dieses gemütliche Haus. Der Garten wurde meinen Wünschen entsprechend bepflanzt. Dann warteten wir einen sonnigen Frühsommermorgen ab. Auf dem Tisch stand ein Frühstück mit Kiwisaft, neben dem Sechsminuten-Ei lag die Zeitung, das zweite Fernsehprogramm war eingeschaltet. Ich setzte mich auf den Schaukelstuhl, eine Sonderanfertigung. Um Punkt 8.10 Uhr wurden die Neutralisiserungsapparate in Gang gesetzt. Nach wenigen Sekunden schon war ich vom Gang der Welt unwiderruflich isoliert, bis heute ist mir nichts mehr zugestoßen.
Ich lehne mich wohlig zurück und denke an Sie.
Wollen Sie die Verzweiflungstat nicht vermeiden? Oder schauen Sie tatsächlich lieber weiter zu, wie Sie vor die Hunde gehen? Wollen Sie nicht in Frieden mit sich und der Umwelt leben? Oder krümmen Sie sich tatsächlich lieber weiter unter den Veränderungen und Geschehnissen wie ein Wurm?
Wenden Sie sich rasch an die ANGELUS NEUTRALISIERUNGSGESELLSCHAFT MBH! Sprechen Sie sich mit Josua Angelus persönlich aus. Wählen Sie 0136/845 66 45, bevor es zu spät ist! Lassen Sie sich beistehen!
Bald können auch Sie an beschaulichem Ort weilen, und die Vögel Ihrer Wahl werden Sie umsingen, und Ihren Lebenstag wird Ihr Lieblingswetter begleiten und schmücken. Leben werden Sie!
Jedem sein Himmel!
© 2009 Georges Raillard