Rauschen im Laubwald
Im Laubwald stehen die Bäume, hängen ihre Äste dicht an dicht. Wir sind darin kaum zu unterscheiden, verlieren uns leicht. In den Blättern klingt jeder Wind wie ein Sturm. Die Zweige und Blätter streifen unser Gesicht, unsere Arme, unsere Brust. Das Rauschen ist ein Schütteln und Reißen, es zerrt auch an uns. Im Laubwald gehören wir selbst mit zum Wald. Selbst wenn es weit über uns rauscht, sind wir davon umfangen, sind wir seine Gefangenen. Wir sind dem Rauschen ausgeliefert. Es ist kein klingendes Rauschen, sondern ein ton- und stimmloses Brausen. Es redet nicht, es bedeutet nichts, Rücksichten nimmt es keine. Das Rauschen ist Ausdruck von Kraft, von Gewalt. Es ist ein dumpfer, roher Kampf zwischen Bäumen und Wind. Vom Rauschen im Laubwald werden wir stets betroffen. Wir sind darin ein Spielball der Mächte. Um uns geht es nicht, aber wir stecken mitten drin. Es wirkt auf uns, Abwehr ist nicht möglich. Stehen bleiben wir nie, wir ducken uns und beschleunigen den Schritt. Worte beschwichtigen die Kräfte nicht. Nur auf ihre Erschöpfung können wir hoffen und auf baldige Stille. Doch selbst dann schweigen wir lieber.
© 2009 Georges Raillard