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Der Lauf des Amazonas
Books on Demand, Norderstedt
ISBN 978-3-8391-2964-7
Spiegelgesicht
Herr Schwenzchen war ein höflicher, angenehmer Mensch. Nachbarn grüßte er freundlich. Damen hielt er die Tür auf. Älteren bot er seinen Sitz im Tram an. Kollegen fragte er nach Frau und Kindern. Kunden wünschte er alles Gute. Serviererinnen gab er großzügig Trinkgeld. Hunden wich er tunlichst aus. Kindern ebenfalls. Und abends zu Hause stellte er sich vor den Spiegel und sagte die wichtigen Dinge. Abends dem Spiegel sagte er alles, was er sich des Tages vom Mund absparen musste.
Während er arbeiten war, fuhrwerkte die Putzfrau in seiner Wohnung umher. Einmal knallte der Besenstiel mitten in den Spiegel, das Glas zersplitterte. Die Putzfrau kehrte die Scherben zusammen und hinterließ einen Zettel, bevor sie ging.
Diesen Abend irrte Herr Schwenzchen mit zusammengepressten Lippen in seiner Wohnung umher. Einen anderen Spiegel hatte er nicht. Er ging früh zu Bett, froh, die Augen schließen zu können.
Am nächsten Morgen grüßte er weder Frau Meckendreh noch Herrn Krotzendorsch. Er starrte in ihr Antlitz und sah Gesichter, die nicht seins waren. Jedes Mal waren es andere Gesichter, wenn er Leute ansah. In panischem Schrecken hastete er zurück nach Hause. Vielleicht war noch Zeit. Aus der Schublade, zuunterst unter den Socken, griff er die Pistole und rannte wieder auf die Straße. Die Grimassen, die Fratzen, die Masken mussten weg, bevor sie sich endgültig an die Stelle seines Gesichtes setzten. Lieber keins sehen als ein falsches, er schoss. Jemand fiel um. Schreie, er schoss wieder, Leute rannten. Er schoss und schoss, die falschen Spiegel zersprangen, wie seiner zu Hause zersprungen war, es war ganz leicht, er war auf dem richtigen Weg, weiter, er schoss weiter.
© 2009 Georges Raillard