50 Rappen


Er stand im Postamt, in der linken Hand den einzuschreibenden Brief, in der rechten den Zettel mit der Nummer, den er beim Eintreten aus dem Apparat herausgelassen hatte. Noch fehlten fünf Nummern, bis er dran war.
      Gerade war wieder jemand fertig; gleich würde auf der elektronischen Anzeigetafel die Nummer um eins höher schnellen und ein Signalton erklingen. Die Frau packte noch etwas in ihre Tasche, ging dann langsam Richtung Ausgang. Es war jene hübsche Schwarze, die ihn schon öfter an der Kasse des Supermarkts bedient hatte. Hätte sie ihn gesehen, hätte sie ihn wohl gegrüßt, aber sie nestelte noch an ihrer Tasche herum. Da fiel ihr eine Münze zu Boden.
      Er wandte seinen Kopf, die Münze lag gleich hinter ihr auf dem Boden. Es war ein 50-Rappen-Stück, er sah es genau. Er tat einen kleinen Schritt in ihre Richtung, zögerte. Oder vielleicht tat er den Schritt auch nicht und bildete ihn sich bloß ein. Eigentlich hätte er ihn tun sollen, aber in der linken Hand hielt er den Brief, in der rechten den Zettel. Er schaute angestrengt auf die Nummer, dann auf die Anzeigetafel. Er war immer noch nicht dran. Da hatte die schwarze Kassiererin die Münze schon entdeckt, sich flink gebückt und sie aufgehoben. Sie war noch jung.
      Er schaute ihr nicht nach, sondern in eine ganz andere Richtung. Da stand eine Dame, sie starrte ihn an. Oder vielleicht war es auch nur ein Moment, in dem sich ihre Blicke kreuzten. Ihr Blick jedenfalls, fand er, war nicht so gleichgültig, wie er an so einem Ort unter den gegebenen Umständen hätte sein sollen. Rasch schaute er wieder weg. Ein Kavalier war er nicht gewesen, nein. Er steckte die rechte Hand mit dem Zettel in die Hosentasche, nein, mit dieser Hand wäre nichts zu machen gewesen, und in der anderen trug er ja den wichtigen Brief. Allerdings, wäre sie keine Schwarze gewesen, wäre er dann hinzugesprungen und hätte die Münze aufgehoben? Er war ein Rassist! Das war er! Er merkte, wie er unter den Achseln anfing zu schwitzen. Auch links standen mehrere Leute und warteten. Vielleicht schauten auch sie her mit vorwurfsvollem Blick. Er getraute sich nicht, einen Schritt nach vorn oder nach hinten zu tun, jede Bewegung konnte jetzt der Auslöser für eine Zurechtweisung sein. Der wichtige Brief wurde feucht, das Papier wellte sich, so umklammerte ihn seine schwitzende Hand. Mit den Fingern der anderen kramte er nervös in der Hosentasche herum.
      Da erspürte er eine Münze. Er erinnerte sich: Es mussten die 50 Rappen sein, die er am Vortag zurückbekommen hatte, als er sich die Zeitung kaufte. Da hatte er auch alle Hände voll, konnte das Herausgeld nicht im Portemonnaie verstauen, sondern ließ es in die Hosentasche gleiten. Er schaute auf die Uhr, setzte eine ungeduldige Miene auf, zuckte mit den Schultern, riss die rechte Hand aus der Hosentasche, dergestalt, dass die 50-Rappen-Münze mit herausrutschte und auf den Boden kullerte. Dann stürmte er aus dem Postamt, ohne sich um die zu Boden gefallene Münze zu kümmern.


© 2006 Georges Raillard