Im Schatten des Ölbaums


Der Ölbaum gibt ihnen Frucht und Fülle, sein Geäst spendet Schatten und Muße. Wo der Baum steht und wächst, sprosst und fruchtet, ist das Reich ihres Lebens; hier ruhen sie, hier essen sie, hier freuen sie sich und danken sie.
     Die Mutter dankt dem Baum: „Im Schatten deiner Blätter fehlt es uns an nichts; gelobt sei die Sonne, die ihn gebiert!“
     Der Vater dankt der Sonne: „Dein Licht gibt dem Baum die Kraft zum Wachsen und Gedeihen; gelobt sei sein Schatten, der uns vor deinem Feuer schützt!“
     Sie hegen den Baum, der ihnen Schatten spendet, die Sonne, die ihnen das Licht sendet, und die Erde, auf die der Schatten fällt. Sie verzieren den Rand des Schattens mit bunten kleinen Steinen, ritzen mit Zweigen Zeichnungen in den sonnenbeschienen Staub, tanzen den Gang der Sonne und den Zug des Schattens und besingen das Reifen der Früchte.

Aus der dürren Weite erscheint ein Mann, fällt auf die Knie und ruft: „Oh Sonne, brenne jeden Flecken dieser Erde und tilge alle Schatten von ihm, auf dass er sich zur Reinheit des Lichtes, das du allein bist, erhebe!“
     Voller Unmut sieht er die Menschen im Schatten des Ölbaums sitzen und sagt: „Unsere Ahnen lehren uns: Meidet die Schatten oder bekämpft sie, denn sie sind unrein und böse! Flieht das Dunkel, sucht das Helle! Licht und Glanz befördert, wo ihr steht und geht, Finsternis rottet aus, wo ihr sie seht!“
     Schon schwingt er zornig die Axt, ihre Klinge dringt tief ins Holz. Der Ölbaum ächzt und schwankt, angstvoll kriechen die Menschen aus seinem Schatten. Endlich kracht er zu Boden; Krume, Sand und Staub wirbeln weit auf.
     Der Mann hebt sein Gesicht empor: „Lass meinen Arm nicht erlahmen, solange die Kräfte der Finsternis nicht besiegt sind!“
     Und seine Axt fällt die Pinie links, die Steineiche rechts, den Zitronenbaum hüben, die Dattelpalme drüben, sie schlägt und schlägt. Sie reißt die Schatten von den Menschen herab, treibt die Menschen aus den Schatten heraus.
     Endlich liegen alle Bäume in seinem Umblick darnieder, sind ihre Schatten getilgt. Der Mann wirft sich dankend in den Staub: „Heil mir, dass ich als Helfer des Lichtes erwählt!“

Dann wird es Abend. Die Sonne sinkt zum Horizont, ihre Strahlen verglühen. Auf der Erde breitet sich Dämmerung, Düsternis, Dunkel aus. Der Mann springt auf: Hat er nicht alle Schatten vertrieben? Hat er nicht dem Licht zur vollkommenen Herrschaft verholfen? Noch krönt die Sonne orange die ferne Hügelkette, noch ist Zeit!
     Los rennt der Mann, der Sonne nach. Durch Ebenen und über Berge rast er, damit ihm nie Nacht werde, in gewaltigen Schritten, fegt mit ausgebreiteten Armen dahin, in jeder Hand eine Axt, Büsche und Bäume am Wegesrand niedersäbelnd, eine Schneise der Schattenlosigkeit.
     Und so zieht er um die ganze Erde, immer ist ihm Tag, die Reinheit des Lichtes.

Endlich hält er inne, erschöpft, die Hände in den Hüften, den Kopf im Nacken, um Atem ringend. Hoch steht die Sonne am Himmel. Dann lässt er den Oberkörper nach vorn fallen, die Hände auf die Knie gestützt, er kommt langsam wieder zu Kräften. Auf dem Boden sieht er einen Schatten. Es ist sein Schatten. Erschrocken richtet er sich auf: Es ist sein Schatten, nun länger. Er bückt sich wieder: Es ist sein Schatten, jetzt zusammengedrückt. Es ist der Schatten, den er wirft.
     Aufrecht steht er da, drückt die Brust heraus, er versteckt sich nicht. Licht ist Licht, er dagegen, auch er ist Finsternis. Schon holt er aus, das Schwert in der Hand, seine Spitze gegen sich gewendet.
     „Freue dich am Licht, statt den Schatten zu ächten!“ ruft der Vater.
     „Freue dich am Schatten, statt das Licht zu entfesseln!“ ruft die Mutter.
     Der Schatten ihrer Bäume beraubt, stehen die Menschen beieinander in der Sonne. Auch sie werfen Schatten, jeder den seinen. Nur einen Augenblick hält der Mann inne. Dann holt er erneut aus, sein Arm wird länger und stärker, das Schwert in seiner Hand größer und mächtiger, seine Klinge saust durch die Luft, schlägt rundum die Köpfe ab, bevor es an den Ursprung, die Mitte seiner Kraft, seiner Bewegung, seines Schwungs, seines rasenden Schattens, zurückkehrt und sie durchbohrt, und endlich wirft nichts einen Schatten mehr.


© 2006 Georges Raillard