Himmelblau
Der Isonius-Park wird im Volksmund auch Schönwetterpark genannt, denn an Tagen ohne Sonnenschein bleibt er bekanntlich geschlossen. Warum dies so ist und woher die Redensart stammt, darüber gibt sich allerdings kaum jemand Rechenschaft ab. Den Namen Isonius mag man noch mit Malerei in Verbindung bringen, aber mehr nicht. Höchste Zeit also, dass den geneigten Besuchern von nah und fern die wahre Geschichte der Entstehung dieses Parks zur Kenntnis gebracht wird.
Aderbald Isohn (latinisierend Isonius genannt) war in der Tat ein Maler, und zwar des 15. Jahrhunderts. Allerdings hat er kein einziges Bild gemalt. Fertiggemalt, müsste man sagen, denn eins, ein einziges, hat er angefangen zu malen, sein erstes. Es war schon recht weit gediehen und zeigte eine schöne Landschaft. Es fehlte nur noch der Himmel. Blau sollte er werden. Isonius blickte zum Himmel empor. Er band den Pinsel zuerst an eine Besenstange, dann an eine Bohnenstange, schließlich an einen langen Ast einer Eiche und versuchte, den Pinsel in den blauen Himmel zu tauchen. Doch der Pinsel blieb trocken. Womöglich begünstigt vom Herumwedeln des Pinsels in der Höhe, kam bald Wind auf, und der Wind brachte Regenwolken. Rasch stellte der Maler Zuber auf, in der Hoffnung, das Regenwasser enthalte etwas heruntergespültes Blau vom Himmel, wenn auch nur in Stäubchenform. Doch sooft er das aufgefangene Regenwasser auch umrührte, siebte und destillierte, es blieb farblos und durchsichtig.
Ein Nachbar erzählte ihm von einem blauen See in der Nähe. Sogleich fuhr der Maler mit einer großen Flasche hin. In der Tat, wunderbar blau lag der See vor ihm. Rasch füllte er die Flasche mit der kostbaren Flüssigkeit und ruhte vor dem Rückweg noch am Ufer aus. Doch wieder überzog sich der Himmel, das Wasser des Sees entfärbte sich von Blau über Grün zu Grau und ebenso das Wasser, das er in seine Flasche gefüllt hatte. Enttäuscht leerte er es aus und zottelte nach Hause.
Während er so lief, kam ihm eine Idee: Was im Fall des Sees möglich war, musste doch auch in einem Bild gelingen. Kaum angekommen, schabte er das obere Drittel des Bildes zu einer Vertiefung aus und leerte Wasser hinein. In der Tat: Der nach verzogenen Regenwolken wieder makellos prangende Himmel spiegelte sich im Wasser: Endlich überwölbte die gemalte Landschaft ein blauer Himmel! Aber kaum hängte er das Bild an die Wand, rann das Wasser aus der Vertiefung zu Boden.
Aufhängen konnte er den blauen Himmel nicht. Er musste horizontal malen. Da kam ihm eine neuerliche Idee. Was die Natur mit dem See konnte, konnte er auch. Mit einem Zaun aus Holzlatten steckte er ein großes Rechteck ab. Darin grub er kleine Täler und schüttete kleine Hügel auf. Er pflanzte Blumen und Büsche und Bäume. Er legte einen Teich an, dessen Wasser vom Zaun begrenzt wurde und den Himmel blau spiegelte. Zum Schluss vergoldete er die Latten des Zauns, wie er es mit dem Rahmen eines Bildes getan hätte – und fertig war das Gemälde, das ein Garten war!
Ob diese neue, von Isonius begründete Kunst „Gartenmalerei“ genannt werden sollte oder eher „Malgärtnerei“, darüber wurde trefflich und lange gestritten. Fraglos ist aber ihr Ergebnis, unser schöner Isoniuspark, einen Besuch wert – bei schönem Wetter!
© 2006 Georges Raillard