Die Hochzeitsnacht


Zu fortgeschrittener Stunde zupften die Kumpane den Bräutigam am Frackzipfel, ob er nicht die ewige Händeschüttelei und die ständig erhobenen Weingläser, all die strahlenden Onkels und Tanten und Vettern und Cousinen mit ihren glänzenden Äuglein satt habe, jetzt fange das richtige Fest an. Der Bräutigam tat, als ginge er zur Toilette. Draussen warteten die Kumpane schon grinsend, die Beifahrertür stand offen, der Motor knurrte. Und los ging’s, von einer Kneipe zur nächsten, Gläser wurden gefüllt und nachgefüllt, leicht gekleidete Mädchen gesellten sich hinzu, man trank, tanzte, knutschte, wie kurz war die Weile.

Gegen neun Uhr morgens betrat der Bräutigam das noch jungfräuliche eheliche Heim. Das Brautkleid lag sorgfältig über den Stuhl gefaltet, die Braut, im Bett lag sie und schlief. Den Bräutigam dünkte das seltsam: Sie erwartete ihn nicht kerzengerade auf einem Stuhl sitzend, sie sah ihm nicht vorwurfsvoll entgegen, sie fragte nicht, wo er gewesen sei, sie keifte nicht, sie tobte nicht, sie weinte nicht. Nein, sie lag einfach da und atmete ganz ruhig. Und dies in ihrer Hochzeitsnacht! Ihm dämmerte: Sie hatte sich sonstwie getröstet. Ohne ihn! Erzürnt packte er die Nachttischlampe und schlug sie der Treulosen so lange auf den Kopf, bis sie nicht mehr atmete.




© 2007 Georges Raillard