Die Förderung der schönen Künste


An seinem Geburtstag machten viele Untertanen dem König ihre Aufwartung. Geduldig harrten sie in der sich nur langsam vorwärts schiebenden Schlange vor dem Tor des Palastes, bis sie vorgelassen wurden. Beim Eintritt verbeugten sie sich tief und begannen die Gnade des Schicksals zu loben, die ihnen ein weiteres Jahr den König gesund erhalten habe.
     „Die Gaben hier links auf den Tisch“, unterbrach sie der König mit einer wegwischenden Armbewegung. „Der nächste!“
     Ein behandschuhter hochrangiger Diener schubste die Untertanen zur Seite und zwickte sie grob in die Rippen, damit sie ihre mit verschwitzten Fingern inbrünstig festgeklammerten Gaben auf den langen Tisch fallen liessen. Da lagen schon Aberhunderte von Gaben aller Art zu wackligen Bergen übereinander. An manchen Stellen waren gerupfte Fasanen, Eierkörbe, Weinflaschen oder Mehlsäcke sogar auf den Boden geglitten und ineinander zerborsten. Damit die Untertanen nicht darauf ausrutschten, musste der Diener sie am Arm aus dem Saal führen.
     So ging es den ganzen Tag bis Mitternacht. Die Geburtstage waren ermüdende Tage für den König, und solange sie dauerten, wünschte er, sie wären schon vorbei, und wenn sie endlich vorbei waren und die Palasttüren bis zum nächsten Geburtstag wieder verschlossen wurden, war er sehr froh. Leider hatte er den schlauen Rat seines Öffentlichkeitswalters, zwecks herrlicherer Macht- und Prachtentfaltung mehrere Geburtstage im Jahr zu feiern, nicht abweisen können, zumal ihm sein Leibarzt zugesichert hatte, dass er deswegen nicht schneller alt werde.
     „Die Gaben hier links auf den Tisch“, unterbrach der König – es war schon Abend - einen langlockigen Mann und gähnte. „Der nächste!“
     „Ich bin aber ein schöner Künstler und möchte Ihnen meine schönen Künste darbringen“, sagte der langlockige Mann und blieb vor dem König stehen.
     „Auf den Tisch!“ sagte der König. „Der nächste!“
     „Ich habe aber meine schönen Künste hier.“ Der Mann tippte sich gegen die Stirn und blieb vor dem König stehen.
     Da winkte der König den Diener herbei.
     „Schöne Künste!“ befahl er ihm und wies auf den Mann. „Der nächste!“
     Der Diener nickte und führte den Mann durch eine besondere Tür hinaus. Ein anderer, untergeordneter Diener übernahm vorübergehend die Betreuung der Besucher.
     Nach einigen Minuten und einigen Besuchern kam der hochrangige Diener wieder hereingeeilt, die linke Hand unter einem runden silbrigen Tablett, dessen Präsentierfläche von einer Haube mit goldenem Knauf abgedeckt war. Ehrerbietig trat er vor den König und hob mit der rechten Hand die Haube.
     „Auf den Tisch“, nickte der König. „Der nächste!“
     Der Diener eilte beiseite und kippte das Tablett auf den Gabentisch aus. Geduldig liess er das Blut von der Platte tropfen, derweil das langlockige Haupt des schönen Künstlers über Halden von Daunenfedern, Bienenwachs, Ziegenkäse und Feiertagsstoffen auf den Boden hinunterrollte und mit einem leichten Kratzgeräusch in einem ölgetränkten Zuckerhaufen zum Stillstand kam.




© 2004 Georges Raillard